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7.3 Einführung einer sozialen Komponente in das Entlohnungssystem

Bisher wurden nur Überlegungen angestellt, wie ein Arbeitsmarkt mit einem leistungsorientierten Lohnsystem gestaltet werden kann, so daß jeder Arbeiter innerhalb einer Tätigkeit zu maximaler Leistung motiviert werden kann und gleichzeitig in den Beruf strebt, welcher gesamtgesellschaftlich zu einer maximalen und bedarfsgerechten Leistungsstruktur führt. Wir haben uns jedoch noch keine Gedanken gemacht, ob das Ergebnis auch sozial verträglich ist.

Anhand unseres ursprünglichen Demonstrationsbeispiels können wir für die Gesellschaft, bestehend aus 100 Arbeitern, das Lohn- bzw. Einkommensprofil darstellen, indem wir ein Diagramm zeichnen, in dem für jeden Arbeiter geordnet nach Größe seines individuellen Lohnes dieser Lohn über die Anzahl der Arbeiter aufgetragen wird. So entsteht das Bild der Lohnstruktur der Gesellschaft. Das ist in Bild 5 dargestellt. Die Fläche unter dieser Kurve (Vollinie) stellt das gesamtgesellschaftliche Lohnvolumen dar. Nehmen wir einmal an, daß der notwendige Lohn zum Kauf der zum Überleben notwendigen Konsumgüter bei 0,5 liegt (Strich-Punkt-Linie). So gibt es in unserem Demonstrationsbeispiel eine Leistungsgruppe bestehend aus 10 Arbeitern, die mit ihrem Leistungslohn nicht in der Lage ist, ihren notwendigen Bedarf an Konsumgütern zu decken.

In einem sozialen Wirtschaftssystem muß jedes Mitglied der Gesellschaft in der Lage sein, mindestens seinen notwendigen Bedarf an Konsumgütern zu decken. In einer Marktwirtschaft ist der Lohn für die meisten Mitglieder der Gesellschaft die wesentliche, meist auch die einzige Einkommensquelle. Dementsprechend muß in einer sozialen Marktwirtschaft dafür gesorgt werden, daß jedes arbeitsfähige Mitglied der Gesellschaft seinen notwendigen Unterhalt durch den individuell realisierbaren Lohn bestreiten kann. Das macht es notwendig, daß bei Vollbeschäftigung für jede Tätigkeit ein entsprechender Mindestlohn zu zahlen ist.

Dementsprechend ist das bisher modellierte Lohnsystem noch nicht sozial verträglich. Es ist also zu überlegen, wie dieses Lohnsystem modifiziert werden kann, ohne daß dabei die Leistungsorientierung verloren geht.

Nehmen wir zur Vereinfachung der Anschaulichkeit einmal an, das Einkommensprofil ist eine Gerade beginnend bei dem Minimallohn gleich Null und endend bei dem Maximallohn gleich Zwei, gemäß Bild 6 (Strichlinie), und das notwendige Lohnminimum liegt bei 0,5 (Strich-Punkt-Linie). Damit können 25% der Arbeiter ihren notwendigen Lebensbedarf nicht vollständig decken.

Das bundesdeutsche Sozialsystem geht prinzipiell in der Weise vor, daß die Gesellschaftsmitglieder mit Einkommen über dem Sozialhilfesatz durch Steuern diesen Fehlbetrag aufbringen und über das Sozialamt an die Bedürftigen umverteilt wird. Wenn man vereinfachend annimmt, daß die solidarische Abgabe proportional zu dem Lohnanteil ist, der über dem Sozialhilfesatz liegt, so ergibt sich ein Einkommensprofil gemäß Bild 6 (Vollinie). Damit ergibt sich ein korrigiertes Maximaleinkommen von 1,83.

Nachteil dieser Lösung ist, daß hier 25% der Arbeiter keinerlei positiven Leistungsanreiz haben. Das bedeutet, das für alle diese Arbeiter durch gesellschaftliche Kontrolle und Reglementierung (negativer Leistungsanreiz = Zwang) dafür gesorgt werden muß, daß sie ihr wenn auch geringes Leistungspotential in die gesamtgesellschaftliche Arbeitsleistung einbringen. (Vorausgesetzt die Gesellschaft bietet ihnen eine Arbeit an, was hier aber nicht diskutiert werden soll.)

Ich würde statt dessen eine Modifikation des Leistungslohnsystems gemäß Bild 7 vorschlagen. Hier ist von Anfang an eine positive Motivation zur Leistung vorhanden. Dieses System ließe sich verwaltungstechnisch einfacher realisieren. Das Spitzeneinkommen sinkt in unserem Beispiel zwar weiter von 1,83 auf 1,5. Darin sehe ich allerdings kein Problem, da für Spitzenverdiener weiterhin der größte Teil des Einkommens (in unserem Beispiel sind es noch 2/3) leistungsabhängig ist. Probleme könnte es lediglich in den unteren Einkommensbereichen geben.

Die Anwendung dieses Vorschlags für eine soziale Modifikation des Leistungslohnsystems auf unser Demonstrationsbeispiel ist in Bild 8 dargestellt (Vollinie). Zur Ergänzung wurde das Einkommensprofil des reinen Leistungslohns als Strichlinie eingetragen und der notwendige Mindestlohn als Strichpunktlinie.

Diese Überlegungen zeigen, daß ein Leistungslohnsystem in einer sozialen Marktwirtschaft und damit die Marktwirtschaft insgesamt nur funktionieren kann, wenn ein gesamtgesellschaftliches Mehrprodukt erwirtschaftet wird, welches einen Konsum zusätzlich zu dem existentiell notwendigen zuläßt. Je günstiger das Verhältnis zwischen zusätzlichem und notwendigem Konsum ist, um so wirksamer dürfte auch das Leistungsprinzip sein. Voraussetzung ist allerdings auch, daß das gesellschaftliche Mehrprodukt über ein entsprechendes Leistungslohnsystem zur Verteilung kommt und nicht durch die privatkapitalistische Aneignung dem Konsumtionskreislauf entzogen wird.

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