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1 Einleitung

Die kapitalistische Marktwirtschaft nimmt für sich in Anspruch, daß sie eine konsequent leistungsorientierte Gesellschaft ist. Das soll für den lohnabhängigen Arbeiter heißen, wer eine hohe individuelle Arbeitsleistung in Quantität und Qualität erbringt, erhält auch über die Zahlung eines relativ hohen Lohnes einen relativ hohen Anteil am gesellschaftlichen Gesamtprodukt zur individuellen Verwendung. Für den Unternehmer, der seine Einkünfte über die Verwertung des Kapitals realisiert, soll das heißen, wer als Leiter eines Unternehmens sich durch geschickte Geschäftstätigkeit im Konkurrenzkampf hervortut, realisiert einen hohen Profit. Neben diesem "positiven" Leistungsprinzip gibt es noch das "negative" Leistungsprinzip. Für die Arbeiter besteht es darin, daß besonders die "Leistungsschwächeren" stets mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes bedroht sind. Für die Unternehmer besteht es darin, daß ebenfalls die "Leistungsschwächeren" vom Konkurs bedroht sind. Beides erzeugt einen erheblichen Leistungsdruck auf jeden einzelnen, so daß dieses Leistungsprinzip als hinreichende Stimulierung der Individuen innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft angesehen wird und damit als fast ausschließliches Prinzip der Motivierung der Individuen eingesetzt wird.

Aus welchen Gründen auch immer gibt es in der kapitalistischen Marktwirtschaft gewaltige Einkommensunterschiede, die wegen ihrer scheinbaren Spontaneität oft als der (kapitalistischen) Marktwirtschaft gesetzmäßig innewohnende Eigenart hinzunehmen seien. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob dieses kapitalistische Leistungsprinzip, dazu beiträgt im Interesse der gesamten Gesellschaft zur Erzeugung optimaler Wirtschaftsstrukturen beizutragen und somit wirtschaftlich und politisch stabile Verhältnisse in der Gesellschaft zu erzeugen.

Auch die sozialistische Planwirtschaft nahm für sich in Anspruch, nach dem Leistungsprinzip zu entlohnen. Sie verzichtete aber bewußt auf die Anwendung des "negativen" Leistungsprinzips. Als Ersatz dafür wurde versucht, stärker ideelle Leistungsstimulierungen in Form des "sozialistischen Wettbewerbs" einzusetzen, was im wesentlichen gescheitert ist. Die Lohnstrukturen hat sich nicht in einem spontanen Prozeß von Angebot und Nachfrage herausgebildet. Sie wurde auch nicht in einer kämpferischen Auseinandersetzung zwischen den organisierten Vertretern zweier Klassen ausgehandelt, sondern administrativ festgelegt. Da aus ideologischen Gründen das Prinzip einer möglichst weitgehenden sozialen Gleichheit angestrebt wurde, waren die Lohnunterschiede im Sozialismus relativ gering.

In Diskussionen über das Leistungsprinzip ist in der Regel ziemlich leicht ein Konsens in der Auffassung zu erreichen, daß die Einkommensdifferenzierung im Sozialismus zu gering war, um ein wirksames Leistungsprinzip zu bewirken, und im Kapitalismus zu groß ist, um einen dauerhaft sozial verträglichen Kapitalismus zu realisieren. Wo dazwischen eine objektiv begründbare gerechte Leistungsdifferenzierung bestehen soll, dazu sind mir bis jetzt keine einleuchtenden Überlegungen zu Ohren gekommen.

Eine Voraussetzung für die Beantwortung dieser Frage ist die Klärung des Begriffs der "Leistung" für die menschliche Arbeit innerhalb des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Als geistige Paten stehen dafür die Verwendung der Begriffe Leistung und Arbeit in der Physik. Hier kann für die Menge der in einer Zeiteinheit geleisteten Arbeit ein skalarer Wert angegeben werden unabhängig davon, in welcher physikalischen Form diese erbracht wird. Da alle Energieformen tatsächlich ineinander überführbar sind, gibt es reproduzierbare Umrechnungsfaktoren verschiedener Leistungen, egal ob das z.B. mechanische, elektrische oder thermische Leistungen sind.

Auch auf dem Gebiet der menschlichen Arbeit gibt es einige Tätigkeiten, wo das Prinzip der durch einen Wert quantifizierbaren Arbeit sinnvoll erscheint. Das sind manuelle Tätigkeiten, die sich in gleicher Form laufend wiederholen, bei vernachlässigbar kleinen Qualitätsunterschieden. Hier kann die Leistung als proportional der produzierten Stückzahl angesehen werden (Stücklohn). Dann ist es aber auch schon fast vorbei. Selbst wenn man verschiedene manuelle Tätigkeiten miteinander vergleichen will, kommt man bereits in Schwierigkeiten. Wie soll man z.B. die Leistung des Haarschneidens mit der Leistung des Kühemelkens vergleichen. Selbst innerhalb einer einzigen Berufsgruppe ist es oft schwierig individuelle Leistungen zu bewerten. Wer kann z.B. die Leistungsunterschiede von zwei Lehrern objektiv bewerten.

Es fragt sich also, ob es überhaupt sinnvoll ist, den Begriff der Leistung, der suggeriert, daß diese Leistung auch meßbar sei, für die menschliche Arbeit überhaupt einzuführen. Leider gibt es trotz der Schwierigkeiten keine Möglichkeit, dem Problem einfach aus dem Wege zu gehen. Erstens ist es notwendig, in einem Gesellschaftssystem, in dem gemeinsam gearbeitet und individuell konsumiert wird, ein Verteilungssystem der Güter zu installieren, denn es muß das einzelne Individuum motiviert werden, an der gemeinsamen Arbeit, die Anstrengung erfordert, mit möglichst optimalem Einsatz seiner Fähigkeiten teilzunehmen. Dabei ist es natürlich verlockend durch eine differenzierte Güterverteilung, die erst durch die regelmäßige Produktion eines Mehrprodukts möglich wurde, die quantitativ und qualitativ unterschiedlichen Fähigkeiten der Gesellschaftsmitglieder zu aktivieren.

Marx geht von der Meßbarkeit der menschlichen Arbeit aus, in dem er die notwendige Arbeitszeit als das Maß für die geleistete Arbeit ansieht. Er schreibt: "Wie aber mißt man Arbeitsquanta? Nach der Dauer der Arbeitszeit, indem man die Arbeit nach Stunde, Tag etc. mißt." Dabei berücksichtigt er die Tatsache, daß es individuelle Unterschiede in der Quantität und der Qualität der verschiedenen Arbeiten gibt, indem er weiter schreibt: "Um dieses Maß anzuwenden, reduziert man natürlich alle Arbeitsarten auf durchschnittliche oder einfache Arbeit als ihre Einheit."[2] An anderer Stelle äußert er sich dazu ebenfalls: "Andrerseits muß in jedem Wertbildungsprozeß die höhere Arbeit stets auf gesellschaftliche Durchschnittsarbeit reduziert werden, z.B. ein Tag höherer Arbeit auf x Tage einfacher Arbeit. Man erspart also eine überflüssige Operation und vereinfacht die Analyse durch die Annahme, daß der vom Kapital verwandte Arbeiter einfache gesellschaftliche Durchschnittsarbeit verrichtet." [3] Dabei geht er aus verständlichen Gründen nicht weiter ins Detail, so daß bei ihm das Problem der Bewertung der individuellen Arbeit natürlich nicht ausreichend geklärt werden konnte. Damals hatten andere Probleme Priorität, nämlich die Formulierung des Wertgesetzes.

Die Protagonisten der kapitalistischen Marktwirtschaft überlassen das Problem, wie so viele andere, ihrem Universalregelmechanismus "Angebot und Nachfrage" und ersparen sich damit intensives Nachdenken darüber, nach dem Motto "Der Markt wirdís schon richten".

In meinen marktwirtschaftlichen Modellen [4] bin ich auch zunächst dem Problem aus dem Weg gegangen, indem ich die Arbeiter zu einem Wirtschaftssubjekt mit einheitlicher universell einsetzbarer Arbeitskraft idealisiert habe. Dabei habe ich stillschweigend vorausgesetzt, daß jeder Arbeiter, der Arbeit findet, seine Arbeitskraft auch mit normaler Intensität einsetzt, ohne mich darum zu kümmern, was ihn dazu bewegt.

Da die Funktionsweise einer Marktwirtschaft ohne die Formulierung der Tatsachen, die das Individuum zum Handeln motivieren, nicht plausibel gemacht werden kann, will ich mich nun diesem Problem ausführlicher widmen. Dabei will ich nicht von dem mechanistischen Leistungsbegriff ausgehen und das Problem von einer anderen Seite angehen, um dadurch eine differenziertere Sicht auf das Problem zu erlangen und objektiv quantifizierbare Aussagen zu ermöglichen.

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